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Mit Hingabe zu Fuss durch Sikkim

Mit meinem Rucksack, bepackt mit Schlafsack, Isomatte und einer schweren Kameraausrüstung wanderte ich vor einigen Jahren mit meiner damaligen Begleitung durch die grünen Wälder Sikkims in Nordindien (ein kleines Königreich welches sich 1974 entschloss, sich dem indischen Staatenverbund anschloss als sich mit der Grossmacht China anzulegen).

Ein wunderschöner Regenwald, ein Baum älter als der andere, wundersamen Klängen aus dem Dickicht – nicht nur die lieblichen Vögel waren es. Und wir wurden auf der ganzen langen Reise, knapp vier Wochen müssen es gewesen sein – beinahe ständig eingeladen. Von Fremden Menschen, in ihre Hütten und kleinen Behausungen. Dort, in diese abgeschiedenen Tälern, mit schwer zugänglichen Straßen, da kommt man nur selten vorbei. Wir hingegen hatten dieses Glück und ich kann ihnen von der Gastlichkeit dieser Menschen, ihrer Kultur und ihren Bräuchen nur so schwärmen. Von allen Erfahrungen dieser Zeit, der manch unzugänglichen Wegen mit schwerer Last auf meinem Rücken( und nebenbei immer noch ein paar Bilder machen), da ist mir vor allem das Essen und die vielen herzlichen Gespräche im Gedächtnis geblieben. Und: wo es vorher, im Grossraum Kolkata (ehem. Kalkuta) nur so lärmte und schrillte, da umfing mich schon beim Übertritt zu Fuß über die Grenze zum nördlichen Bundestaat Sikkim eine umfassende Stille. Die Reinheit der Natur spricht in diesen Regionen für sich.

Und so wurden wir eingeladen. Nicht nur einmal. Nein vielmals. Ein neuer Ort, ein neuer Platz, eine neue Familie. Auf dem Boden haben wir geschlafen. Aufgewacht mit gackernden Hühnern am Morgen und einem guten auf nordindisch gemachten Chai – also handgepflückte Teeblätter (der Darjeeling der Familie) direkt von den Feldern nebenan. Und immer wieder hieß es Abschied nehmen nach einem köstlichen Frühstück – Reis, Omelete, Milch direkt von der Kuh und anderen wundersamen Rezepten.
Es ist die umfassende Herzlichkeit dieser Menschen, die mich am meißten berührte. Viele, nun zugebenermaßen nicht alle, aber dennoch: die meißten, sie sehen sich in ihrer spirituellen Kultur des tibetischen Buddhismus wie zu Hause. Voller Hingabe widmen sie sich mit ihrer alltäglichen Arbeit ihrer inneren, also geistigen Verwirklichung. Was ich damit meine, werden Sie sich sich sicherlich jetzt Fragen.
Sie sagen sich: Heute, da ist ein neuer Tag. Ich stehe auf dafür, was ich sage, wie ich stehe, was ich tue und vor allem: wie ich fühle. Es wird sich gestritten, manchesmal richtig gezofft, und dann, nachdem das Gewitter wieder vorbei ist, da wird sich zuallererst versöhnt. Vorbei die Zeit der miesen Muscheln im Gesicht, keine Spur eines Streits. Sicher: hinter den Kullissen, da wird weiter verhandelt und manches mal, so durfte ich auch ich davon hören, da geht es richtig daneben. Aber auf die Art kommt es an, das Wie (sprich: man bleibt füreinander und lässt sich, und somit die anderen nicht im Stich). Zu einem unwiderbringlichen Zwist zwischen Menschen habe ich persönlich hier nur einmal gehört. Zu einem Todesfall soll es gekommen sein, welcher sich später als Mord herausstellte. Die Reaktion des Ortes: es wurde gestreikt. „WIR STREIKEN!“, hieß die Botschaft. Fenster und Türen wurden geschlossen für mehrere Tage, bis diese eindeutige Botschaft an alle jene, welche sich gegen das Leben und die Gemeinschaft selbst wenden angekommen ist: „Wenn ihr hier glaubt, dass das eine Lösung sei, dann bekommt ihr auch nichts von uns.“

Für mich durfte ich es nach längerem Nachleben und Verdauen – ja auch ein köstlich duftender Reis mit seltenen Farnen aus dem Wald, eines Dals (also zu deutsch: Linsensuppe) und Yakfleisch (ein Genuß!) brauchen eine ganze Weile bis sie wirklich im Herzen ankommen und sich in das Wort ‚Hingabe‘ übersetzen.

Und so zieht es mich persönlich immer wieder dort hin – in das Zentrum meines Herzens. Aus dem täglich immer wieder aufs Neue ein neuer Tag anbricht. Voller Hingabe.

Namaste.

Dein,
Holger

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